Die
Dachreiter
in China

 

Dachreiter auf dem Kaiserpalast in Peking

Es gibt wenig deutschsprachige Literatur zu chinesischen Dachreitern.
Sind weitere Publikationen bekannt danke ich für eine Nachricht: mail@axelsteinbach.de

 

Heinz Zanger, Dachschmuck aus gebranntem Ton, Suderburg - Hösseringen 2002
ISBN 3-931824-05-5
http://www.anderweit.de/I_anderweit/I_4_Programm/3931824241.pdf

 

Dr. Rainald Simon, Chinesische Baukeramik: Dachreiter und Schmuckziegel, Museum für Kunsthandwerk, Frankfurt a.M. Kleine Hefte 23, 1984

 

"Nahezu ohne Ausnahme entstammen die Dachreiter in den westlichen Sammlungen chinesischer Kunst der Ming - Zeit (1368 - 1644).
Frühere Gebäude sind nicht mehr erhalten.
Um einen Eindruck der Architektur vor der Tang-Zeit (618-907) zu erhalten, sind deshalb auf Haus- und Turmmodelle aus Ton, die als Grabbeilagen dienten, oder auf Architekturdarstellungen der Wandmalereien angewiesen.
Die Han - Zeit (206-220 n.Chr.) An Modellen finden sich als einfache Form der Hervorhebung des Daches schweifförmig nach oben gebogene Schlussziegel des Firstes.

Die Wei - Zeit (220-265 n. Chr.) Erste schriftliche Zeugnisse für die Herstellung und Anwendung glasierter Baukeramik liegen vor.

Die Tang - Zeit (618-907) Alle Bestandteile der chinesischen Dacharchitektur sind voll entfaltet:
1. Die farbig glasierten halbzylindrischen Dachziegel
2. Die Dachformen, darunter besonders das geschwungene Walmdach
3. Der figürliche Dachschmuck.

Die Wudai - Zeit (907- 960) Die frühesten an einem Bauwerk befindlichen Belegstücke sollen kleine Figuren Unsterblicher an der Pagode des Weißen Steines in Zhakou bei Hangzhou sein.

Die Yuan - Zeit (1279-1368) Ununterbrochene Tradition der Dachreiter: Belegstück ist ein 29,5 cm hohes Modell eines Turmpavillons aus dem datierten Jahr 1368. Auf beiden Firsten sitzen zwei Löwenfiguren auf, die vier Gratenden zieren gekräuselte Wolken und die Mitte des Firstes nimmt eine Lotosknospe ein.

Die Ming- und Qing - Zeit (1368-1911) Die Reihenfolge der Dachreiter - vor allem für die Palastdächer des Nordens - werden vorgeschrieben: Hinter der Figur eines Unsterblichen wurden ein Drache, ein Phönix, ein Löwe, ein "Himmelspferd", ein "Meerross", ein löwenähnliches Fabeltier Suanyi, ein Fisch, das einhörnige Fabeltier Xiezhai, der Drache "Scheffelrind" und anderes angebracht. Die meist grün glasierten Ziegel wurden gegen das Gelb, die Farbe des Thrones ausgetauscht. Ursprünglich Symbol des gelben Lößbodens Nordchinas, stand die Farbe seit dem 6. Jh. für den Eigner allen chinesischen Landes, den Kaiser." 


Thilo Thomas, Klassische chinesische Baukunst, Zürich 1978
 
Eduard Fuchs, Dachreiter, München 1927
ausleihbar über Universitätsbibliothek Heidelberg: Signatur C 8117-800-26 Folio Mediennummer: 01232052 Standort: Hauptbibliothek Altstadt / Tiefmagazin 2 :

 

"Man begegnet in den Figuren der Dachreiter vornehmlich dem Drachen, dem Vogel Ho (auch Phönix genannt), den Hunden des Fo, das ist Buddhas, die auch noch mit den Namen Kylin, Himmelshunde und Hundslöwen belegt werden. Diese reihen sich die direkten Fabeltiere an, die sich meist als Verbindungen zwischen Drache und Fo - Hund erweisen. Von wirklichen, d.h. in der Natur vorkommenden Tieren begegnet man dem Pferd, dem Hasen, dem Hahn und dem Delphin.
An Menschengestalten begegnet man dem Gelehrten, dem Heiligen, dem Teufel, dem Kriegsgott, und vor allem dem Helden zu Pferde ( oder dem Prinz auf der Henne, dem Priester auf dem Hahn).

An der Spitze von sämtlichen Dachreiterfiguren, die es gibt, steht unbedingt die Gestalt des Drachen. ( Er bildet stets das Ende der Dachreiterreihe ). Keinem anderen Tier- oder Menschensymbol kommt eine so große Wichtigkeit zu wie dem Drachen. Als grundlegend kommt dabei in Betracht, dass der Drache bei den Chinesen in keiner Hinsicht ein Sinnbild der Zerstörung und darum des Bösen ist, als das er in der europäischen Vorstellung lebt, sondern er ist im Gegenteil das Symbol der Erhaltung, das einer mächtig treibenden Naturkraft. Er ist überhaupt das Sinnbild der größten Kraft und der stärksten Macht.

Der Körper des Fo - Hundes ist eine Kombination von Hund und Löwe. Es handelt sich aber stets um einen aus der Tiefe des chinesischen Gemütes geschöpften Löwen, denn der wirkliche Löwe war damals in China unbekannt...

Der Vogel Ho ist eine Kombination der schöpferischen Phantasie der Cinesen in der Richtung einer ausgeprägten Pracht und Vornehmheit. Es ist das Wappentier der Kaiserin, darum thront er als Dachreiter auch auf den Palastbauten, die der Kaiserin und ihrem Hofstaat dienen.

Der Hahn spielt bei den Chinesen eine große Rolle. Er gilt als die Verkörperung der Sonne, sein Kamm soll deren Strahlenkranz sein. Er ist weiter das Symbol des gerechten Richters. Nach der Vorstellung der Chinesen kehren außerdem frühgestorbene Männer in der Form von Hähnen wieder; sie setzen die unerledigten Kräfte des menschlichen Daseins fort, um die Lebenden zu trösten. Das Haus, auf dem der Hahn als Dachreiter steht, wird der Gnade der Sonne teilhaftig, es steht unter dem Schutze eines gerechten Richters, die Fürsorge der Ahnen ist ihm gesichert und die bösen Geister werden durch sein Krähen verscheucht
Die typische Verwendung ist der Hahn mit Reiter. Der Reiter ist ein taoistischer Heiliger, also eine weitere Schutzverstärkung...

Die Dachreiter beschreiben in ihrer symbolischen Bedeutung Schutzfunktionen. Unter den mannigfachen Tier- und Menschengestalten, womit die chinesischen Dächer in der Form von Dachreiter ausgerüstet sind, finden sich immer nur solche Typen, Formen und Farben, an die sich in der religiösen Vorstellung der Chinesen ein deutlich ausgeprägter Schutzgedanken knüpft.
Dies kann kein Zufall sein, am allerwenigsten bei einem Volk, bei dem alles sinnvoll gestaltet ist. Bei jeder Form und Sache, der man in Ostasien begegnet, hat man nicht nur zugleich, sondern immer zuerst an deren symbolischen Sinn zu denken. Deshalb aber liegt ein solcher vor, mag die Form sein, wie sie wolle. Die Form an sich ist in China nie zwecklos, d.h. nie rein ästhetisch zu werten. Hinter der ästhetischen Formulierung wirkt stets der Zweckgedanke, der hier viel ausgesprochener als im europäischen Kulturkreis in ästhetischer Form zum greifbar körperlichen Symbol gesteigert ist. In diesen inneren Zusammenhängen zwischen Form und Inhalt der Schöpfungen der ostasiatischen Phantasie ist der so eminente kulturaufhellende Wert der chinesischen Dachreiter begründet. "

So Eduard Fuchs 1924

 

 

Ernst Fuhrmann, Das Tier in der Religion, München 1922 :
"Eine sehr wesentliche Erscheinung ist der Drache auf allen vier Seiten des Hausdaches ... Diese Drachen lebten einst in Sumpf und Urwald, d.h. in Landstrecken, von denen die ganze Nebel- und Wolkenbildung des Landes ausging. Diese Wolken bekämpften die Sonne, man sah in ihnen ebenfalls die phantastische Drachengestalt, und so war eigentlich der Drache ein Feind der Sonne. Die Austrocknung Chinas hat aber wahrscheinlich schon in sehr frühen Zeiten begonnen und die Sonne wurde deshalb zu einem gefährlichen Prinzip, denn sie verhindert Pflanzenwuchs und Ackerbau, und so geschah es denn, dass der Drache zu einem wohltätigen Prinzip erhoben wurde ...

Wenn nun der Drache die Sonne bekämpfte, so geschah es durch Donner und Blitz, und man setzte die kleinen Drachen auf die Enden des Daches damit sie ihrerseits den Blitz, der das Haus treffen sollte, abwenden helfen ... So war nicht zu fürchten, dass der Blitz das Haus traf, wenn die kleinen Drachen von dem großen Bekämpfer der Sonne als eigene Kinder geschont wurden.

Man hat die Drachen schon zu früher Zeit aus Metall hergestellt, und ihre Anbringung auf den Enden der Dächer lässt darauf schließen, dass der Blitz in Wirklichkeit von diesem weiten Vorsprung aus die Verbindung zur Erde gefunden hat, ohne das Haus zu berühren ... "

So Ernst Fuhrmann 1922

 

 

Ernst Boerschmann, Chinesische Baukeramik, Berlin 1927


Ernst Boerschmann, Chinesische Architektur, Berlin 1925

 


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